Wie schlafen Vögel?
Schlaf gehört zu den erstaunlichsten physiologischen Phänomenen. Die möglichen Ursachen für Schlaf sind im Detail gar nicht so leicht zu erforschen. Es herrscht aber weitgehende Einigkeit, dass es mit der notwendigen Erholung zu tun hat und wahrscheinlich auch eine große Rolle beim Lernen und Erinnern spielt. Wie auch Säugetiere schlafen Vögel, es gibt neben Gemeinsamkeiten jedoch einige erstaunliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen.
Tagaktive Vögel schlafen nachts, nachtaktive Arten schlafen tagsüber. Zwischen verschiedenen Vogelarten gibt es zudem große Unterschiede in der täglichen Schlafdauer. Diese kann sehr kurz sein, kürzer als eine Stunde (z.B. bei Staren), oder knapp zwei Drittel des Tages umfassen, wie man es beim Zwergsäger beobachtet hat. Stare und Weißwangengänse schlafen im Sommer weniger als im Winter und sonst tagaktive Zugvögel ziehen oft nachts. Wie Säugetiere auch zeigen die Hirnströme bei schlafenden Vögeln zwei charakteristische Muster: Tiefschlaf (SWS: „slow wave sleep“) und REM-Schlaf (R.E.M. = „rapid eye movement“ – vielen als Name einer Rockband bekannt). Eine Besonderheit zeigen Strauße. Sie haben während SWS-Phasen die Augen geöffnet. Die Vorderhirnaktivität wechselt während eigentlicher REM-Phasen schnell zwischen SWS und REM, ein Muster, das interessanterweise bei Säugern nur von Kloakentieren (Schnabeltiere und Schnabeligel) bekannt ist.
Schlafphasen sind bei Vögeln meist deutlich kürzer als beim Menschen und werden bei manchen Arten auch immer wieder ganz unterbrochen. Eine naheliegende Erklärung dafür, ist, dass Ausschau nach möglichen Fressfeinden gehalten wird. Viele Vögel suchen zum Schlafen auch sichere Plätze auf. Dazu gehören bei typischen Höhlenbrütern wie Meisen oder Spechten z.B. Baumhöhlen, andere schlafen im dichten Laubwerk und Schlafplätze von Staren und Schwalben im Schilf sind sicherlich vielen bekannt. Vögel wie Baumläufer schlafen außerhalb der Brutzeit oft eng aneinandergedrängt in kleinen Gruppen, was den Kälteverlust in Winternächten reduziert. Wasservögel schlafen schwimmend. Bei einigen Arten wird der Kopf gedreht und teilweise im Schultergefieder versteckt. Vögel legen den Kopf allerdings nicht wie manchmal behauptet unter den Flügel.
Eine Besonderheit des Vogelschlafs ist, dass Vögel quasi nur mit einer Gehirnhälfte schlafen können, während die andere wach ist. Dies wurde mittlerweile u.a. bei Hühnern, Enten, Möwen und Zebrafinken nachgewiesen, so dass das Phänomen weit verbreitet ist. Da die Neuronen kreuzweise verschaltet sind, können also Vögel mit dem linken Auge auf Prädatoren achten, während die rechte Hirnhälfte schläft – und umgekehrt.
Können Vögel im Flug schlafen?
Manche Vögel wie Segler oder Fregattvögel verbringen Monate in der Luft, ohne jemals zu landen. Lange war unklar, ob und wie diese Vögel schlafen. Erst in den letzten Jahren konnten mit Hilfe von kleinen Datenloggern Antworten gefunden werden. So konnte in den 2010er Jahren erstmals gezeigt werden, dass Bindenfregattvögel während des Fluges mit einer Hirnhälfte schlafen (unihemisphärischer SWS-Schlaf). Schlafphasen waren allerdings deutlich kürzer als an Land, wo einseitiger Schlaf seltener ist. Geschlafen wird in der Regel beim Segeln bzw. Gleiten in warmen Aufwinden. Das „wache“ Auge zeigt dabei in Flugrichtung, so dass die Vögel weiterhin sehen, wohin sie fliegend.Träumen Vögel?
Diese Frage lässt sich leider mit aktuellen wissenschaftlichen Methoden nicht befriedigend beantworten – wir können die Vögel leider nicht fragen. Es konnte jedoch gezeigt werden, dass bei männlichen Zebrafinken, während des REM-Schlafes Neuronen im Gesangszentrum spontan feuern. Das Muster ähnelt dem von wachen Vögeln, die in diesem Moment singen. Es wird aktuell angenommen, dass diese traumähnlichen Wiederholungen dem Lernen und Erinnern dienen können.
Mach‘ das Licht aus, wenn Du gehst
Schlaf wird von einem äußerlichen Faktor, dem Licht, ganz wesentlich beeinflusst. Dies betrifft die Tageslänge, aber auch das Mondlicht und natürlich auch vom Menschen verursachtes künstliches Licht in einer Welt, in der die Nacht kaum noch irgendwo bei uns richtig dunkel ist. Auch bei Vögeln verursacht zusätzliches Licht verlängerte Wachphasen. Bisher gibt es allerdings nur wenige Studien, die Licht, Schlaf und deren physiologischen Auswirkungen auf Vögel unmittelbar verknüpfen. Einige wenige Studien zeigen möglicherweise negative Folgen von Kunstlicht auf das Vorkommen von Vögeln, so dass auch ein erstmal rein physiologisch erscheinendes Thema Relevanz für den Vogelschutz haben könnte.
Literatur (Auswahl)
Amlaner & Ball 1983. A synthesis of sleep in wild birds. Behaviour 87: 85-119. Aulsebrook et al. 2021. Light, Sleep and Performance in Diurnal Birds. Clocks & Sleep 3: 115-131. DOI: 10.3390/clockssleep3010008. Lesku et al. 2011. Ostriches sleep like Platypuses. PLoS One. DOI: 10.1371/journal.pone.0023203. Lovette & Fitzpatrick 2016. Handbook of Bird Biology. Wiley. Rattenborg et al. 2016. Evidence that birds sleep in mid-flight. Nature Communications. DOI: 10.1038/ncomms12468. Roth et al. 2006. A phylogenetic analysis of the correlates of sleep in birds. Journal of Sleep Research 15: 395-402. Vorster & Born 2015. Sleep and memory in mammals, birds and invertebrates. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 50: 103-119.
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