19.05.2026
Beobachtungstipp – von „Overshootern“ und anderen spannenden Arten
Im Mai und Juni tauchen oft Vogelarten auf, deren Verbreitungsgebiete normalerweise weiter südlich oder östlich liegen. Wir geben einige Tipps und versuchen Euch und Ihnen den Mund wässrig zu machen.
Es ist kaum zu glauben, aber das ornithologische Frühjahr neigt sich schon fast dem Ende zu. Die ersten Meisen sind vielleicht schon mit der Brut durch, bei den Eulen gibt es Ästlinge, und die Gesangsaktivität kann mittags schon deutlich abgeflaut sein. Dennoch ist die Brutzeit natürlich noch nicht vorbei. Viele Langstreckenzieher sind noch nicht lange wieder in ihren Brutgebieten und bei Mauersegler, Neuntöter, Sumpfrohrsänger & Co geht es natürlich jetzt erst richtig los. Außerdem lassen sich jetzt auch die vielen Jungvögel beobachten.
Die zweite Maihälfte und der Beginn des Juni sind aber auch aus einem anderen Grund spannend. Nun ist vielleicht die beste Zeit des Jahres, um Vögel aus südlichen Gefilden zu beobachten. Einige Arten wie der Orpheusspötter waren vor einigen Jahren noch Ausnahmeerscheinungen. Mittlerweile haben sie weite Teile des Südwestens unseres Landes besiedelt und können zunehmend auch weiter nordöstlich beobachtet werden. Es lohnt sich, sich Gesang und Rufe einzuprägen. Orpheusspötter bevorzugen meist warme, trockene Bereiche wie Bahndämme, Halden, Heiden und Ränder von Kiesgruben. In solchen Lebensräumen kann man auch nach den farbenprächtigen Bienenfressern und vielleicht sogar Wiedehopfen Ausschau halten. Diese sind jedoch störungsanfällig und Heerscharen von Fotograf:innen und Vogelbeobachtenden können diese leider schnell wieder vertreiben.
Wer lieber an Gewässern unterwegs ist, kann nach seltenen Reihern Ausschau halten. Lange Zeit wurden viele Fischfresser erbittert verfolgt und bis ins 20. Jahrhundert wurden einige Arten auch wegen ihrer Schmuckfedern intensiv bejagt. Zum Glück hat sich die Hutmode gewandelt und Reiher sind heute besser geschützt als früher. Hinzu kommen der Klimawandel mit milden Wintern und vielleicht auch die Entstehung neuer Lebensräume, so dass verschiedene Reiherarten eine deutliche Ausbreitung in Europa zeigen. Einige der südlichen Reiherarten brüten beispielsweise auf den britischen Inseln, und in den Niederlanden werden diese ebenfalls längst regelmäßig festgestellt. Auch in NRW sind z.B. Purpurreiher und Seidenreiher nicht mehr meldepflichtig und werden vergleichsweise regelmäßig in NRW gesehen. Auch Kuh- und Rallenreiher erfreuten immer wieder Vogelbeobachter*innen. Andere ökologisch ähnliche Arten wie Löffler, Sichler und Stelzenläufer breiten sich auch aus. Bei Letzteren sind auch zumindest Brutversuche zu beobachten. Auch Seidensänger sind bereits in fast allen Landesteilen beobachtet worden. Es lohnt sich also, an den Gewässern im Lande genauer hinzuschauen.
Daneben gibt es viele weitere Arten aus dem Süden, die zu dieser Zeit verstärkt beobachtet werden können. Einige Zugvögel ziehen im Frühjahr weiter als ihre Artgenossen. Im Südwesten verbreitete Arten können z.B. weiter nach Nordosten fliegen, südöstliche Arten tauchen plötzlich weiter nordwestlich auf (im Englischen spricht man von „overshooting“). Darunter sind zahlreiche Ausnahmeerscheinungen, die oft nur ganz kurz hier verweilen, manchmal aber auch Reviere bei uns etablieren. Für Aufsehen sorgten in der Vergangenheit immer mal wieder mediterrane Grasmücken oder auch Arten wie der Rotkopfwürger. In diesem Jahr wurden z.B. auch Iberienzilpzalpe gemeldet, die im Feld meist nur anhand ihrer Lautäußerungen zu bestimmen sind. Ganz aktuell wurde in den letzten Tagen beispielsweise eine Rotflügel-Brachschwalbe von der Bislicher Insel auf ornitho.de gemeldet. Auch Arten, die sonst weiter östlich verbreitet sind, werden im Mai/Juni immer mal wieder in NRW beobachtet. Es lohnt sich also jetzt auch, nach Arten wie Zwergschnäpper, Sprosser, Schlagschwirl, Karmingimpel & Co die Ohren offen zu halten. Wer für ADEBAR oder das Vogelmonitoring unterwegs ist, wird vielleicht zusätzlich noch mit der Beobachtung einer kleinen Seltenheit belohnt. Meldepflichtige Arten sollten natürlich bei der AviKom dokumentiert werden.
Wir wünschen viel Spaß beim Beobachten und spannende Entdeckungen!
