20.03.2021
Vogel des Jahres 2021 - Rotkehlchen
Jedes Jahr seit 1971 wählen NABU und LBV den Vogel des Jahres. Dieses Mal erfolgte die Wahl jedoch nicht von einem Gremium aus Expert*innen, sondern die Öffentlichkeit konnte online für ihren Favoriten abstimmen. Mehr als 450.000 Menschen beteiligten sich daran. Vogel des Jahres 2021 wurde demnach das Rotkehlchen. Nach 1992 ist das Rotkehlchen nun zum zweiten Mal Vogel des Jahres. Wir nutzen diese Wahl, um diese beliebte Vogelart etwas näher zu beleuchten.
Rotkehlchen in NRW
Nordrhein-Westfalen ist eines der wichtigsten Brutgebiete des Rotkehlchens in Deutschland. Laut Atlas deutscher Brutvogelarten (ADEBAR) gibt es in Deutschland 3,2 bis 4,1 Millionen Rotkehlchenreviere. Davon leben rund 485.000 bis 620.000 Paare allein in NRW (Brutvogelatlas). Hohe Dichten werden bei uns in einigen Waldgebieten des Tieflandes erreicht, wo 40-50 Reviere pro km² erreicht werden. Das Rotkehlchen ist nahezu flächendeckend in NRW verbreitet. Etwas weniger Vögel leben in den gehölzarmen Bördelandschaften. Das Rotkehlchen war auch schon vor hundert Jahren eine verbreitete Vogelart. Insgesamt sind die Bestände stabil und haben wahrscheinlich sogar zugenommen. Strenge Winter sind selten geworden, die Art hat womöglich sogar vom Anbau der verhassten Fichtenmonokulturen und der Eutrophierung der Wälder profitiert. Unter Naturschutzgesichtspunkten wird mit dem Rotkehlchen als Vogel des Jahres vor allem für eine naturnahe Gestaltung von Hausgärten und Parkanlagen geworben. Auch in NRW sieht man seit einiger Zeit vielerorts Schottergärten und die Versiegelung der Landschaft schreitet ungebremst voran. Das Rotkehlchen ist also zu Recht Sympathieträger für einen giftfreien Garten mit dichtem Gebüsch, vermoosten Mauern, einem Teich oder einer Tränke und viel Unterholz. In Teilen des Mittelmeerraums werden Rotkehlchen immer noch bejagt. Die Art steht also auch für einen konsequenten Schutz der europäischen Vogelwelt.
Von Teilziehern und singenden Weibchen
Afrikanische Verwandtschaft
Rotkehlchen gehören in die große Verwandtschaft der Altweltfliegenschnäpper – eine Familie innerhalb der Singvögel. Zur Familie Muscicapidae werden rund 332 Arten gezählt (worldbirdnames.org). Gerne werden die anderen „Kehlchen“ (Blau-, Schwarz-, Braunkehlchen) oder auch Nachtigall und Steinschmätzer genannt, die ebenfalls zu dieser großen Familie gehören. Allerdings sind diese alle nur vergleichsweise weitläufig mit unseren Rotkehlchen verwandt (Sangster et al. 2010, Mol. Phyl. Evol., Zucchon & Ericson 2010, Zool. Scr.). Sehr viel näher verwandt sind stattdessen kleine, oft rotbraune Vögel aus den Waldgebieten Afrikas. Rotkehlchen haben damit eine biogeographische Sonderstellung in der europäischen Singvogelwelt. Zwar ist die exakte Position im Stammbaum nicht ganz genau geklärt, aber zu den Verwandten des Rotkehlchens gehören Braunschwänze wie der Rotkehl-Braunschwanz (besser bekannt als Rotkehlalethe) aus Ostafrika, der Weißbauchrötel oder Vögel mit klangvollem Namen wie Ruwenzorirötel, Sternrötel oder Swynnertonrötel. Viele dieser Vögel leben im Unterholz dichter Regen- und Nebelwälder. Sie sind dort selbst für geübte Vogelbeobachter*innen teils nur mit großer Mühe zu entdecken – „skulking“ nennen englischsprachige Ornis dieses unauffällige Verhalten. Wer schon mal beobachtet hat, wie Rotkehlchen gut getarnt im Schatten eines Gebüschs im Garten lange regungslos verharren, darf sich also an die Verwandtschaft in den Wäldern des Afrikanischen Grabenbruchs erinnert fühlen.
